Sowjetpropoganda gegen das amerikanische Judentum
Vorbereitungen zum Schauprozess Schtscharansky
Die sowjetischen Massenmedien befassen sich in letzter Zeit in zunehmendem Mass mit der Lage des amerikanischen Judentums. Vor kurzem erschien in der Sowjetzeitschrift "Die USA" ein Artikel, der dem "Antisemitismus in den Vereinigten Staaten" gewidmet ist (die Zeitschrift wird vom Amerika-Forschungsinstitut herausgegeben, dessen Leiter, Prof. Georgij Arbatow, Breschnew-Berater ist und als sowjetischer USA-Fxperte gilt). Der Artikel befasst sich eingehend mit der angeblichen Diskriminierung, der zahlreiche amerikanische Juden ausgesetzt sein sollen. Unter anderem heisst es dort, dass amerikanische Juden bei der Immatrikulierung an höheren Lehranstalten benachteiligt werden. Das Sowjetorgan ist auch um das Schicksal vieler unbemittelter Juden in den USA besorgt, die als "Opfer der kapitalistischen Ausbeutung" bezeichnet werden. Jede antisemitische Äusserung reaktionärer Gruppen in den USA wird von den Sowjets auf genaueste vermerkt und zu propagandistischen Zwecken ausgenutzt.
Das plötzliche Interesse für Fragen der amerikanischen Judenheit bekundete sich unlängst auch in einem Kommentar der sowjetischen Presseagentur TASS. In diesem Fall widmete der sowjetische Kommentator seine Aufmerksamkeit nicht den "Opfern des amerikanischen Antisemitismus", sondern der "Rolle der jüdischen Bourgeoisie" in den USA. Der TASS Kommentar und eine Reihe jüngster Veröffentlichungen der sowjetischen Presse sind unmittelbar mit den Plänen verbunden, die die Sowjetführung in nächster Zukunft auszuführen gedenkt. Hierbei handelt es sich um eine Grossoffensive gegen die sowjetischen Juden im allgemeinen und die sowjetjüdischen Aktivisten im besonderen. Der bevorstehende Schauprozess gegen den jüdischen Dissidenten Anatolij Schtscharansky wird wohl den Kulminationspunkt dieser Kampagne bilden.
Kürzlich in der "Prawda" und "Iswestija" erschienene Artikel beschuldigen einige bekannte sowjetjüdische Dissidenten des Landesverrates — der Spionage im Auftrage der CIA.
Der Zusammenhang zwischen dem TASS-Kommentar, der sich mit der Kolle der Juden im Leben der USA befasst, und der Hetze gegen die sowjetjüdischen Aktivisten liegt auf der Hand. Das fast gleichzeitige Erscheinen dieser Veröffentlichungen ist nicht zufällig. Die sowjetjüdischen Aktivisten werden als Handlanger der "allmächtigen" amerikanisch-jüdischen "Grossbourgeoisie" dargestellt.
Die sowjetische Presse war bisher darum bemüht, die Bezeichnung "Jude" geflissentlich zu meiden und stattdessen ihre Angriffe gegen den "Weltzionismus" zu richten. Der TASS-Kommentar verzichtet auf diesen Euphemismus, behauptet, jüdisches Kapital spiele im amerikanischen Wirtschaftsleben (Handel, Industrie und Banken) eine massgebende Rolle. Nach Meinung der Sowjets ist jeder fünfte amerikanische Millionär jüdischer Abstammung.
Ferner weist die sowjetische Presseagentur auf den Einfluss hin, den die "amerikanischen Juden auf die Massenmedien ausüben". Besonders erwähnt werden in diesem Zusammenhang die "New York Times", die "Washington Post" und die Rundfunk- und Fernsehgesellschaften CBS und NBC.
Alles, was den Sowjets nicht in den Kram passt, wird den Juden in die Schuhe geschoben — Kampf für Menschen- und Bürgerrechte, Dissidenz und deren Propagierung u.a.m. Auf diese Weise schafft die sowjetische Presse einen künstlichen Zusammenhang zwischen dem "amerikanisch-jüdischen Grossbürgertum" und den sowjetjüdischen Dissidenten. Hierbei wird völlig »ausserachtgelassen, dass es keineswegs nur Juden sind, die sich sowohl in den USA als auch in der UdSSR für die Wahrung der Menschenrechte einsetzen.
In letzter Zeit zeigt sich in der Sowjetunion immer deutlicher die Tendenz, Dissidenten und Juden zu identifizieren. Der KGB (sowjetischer Sicherheitsdienst) scheut auch nicht davor zurück, Gerüchte in Umlauf zu setzen, denen zufolge Andrej Sacharows eigentlicher Familienname Zuckermann sei ("Sachar" bedeutet im Russischen "Zucker"). Dieses Bestreben, die Dissidentenbewegung in der UdSSR und in Osteuropa als eine rein jüdische Angelegenheit hinzustellen, hat sich besonders intensiviert, seitdem Präsident Carter seine Menschenrechtskampagne aufgenommen hat. Breschnew reagiert auf die weltweite Initiative des Weissen Hauses auf eine ihm eigene Art — durch Schürung des Antisemitismus.
Bezeichnend ist auch, dass der dem amerikanischen Judentum gewidmete TASS-Kommentar mit Menachem Begins Besuch in Washington zusammenfiel.
Der Klärung bedarf nur noch die Frage, worin denn der Zusammenhang zwischen dem Artikel, der sich mit antisemitischen Strömungen in den USA befasst, und dem TASS-Kommentar besteht. Es könnte fast scheinen, dass diese beiden Publikationen im Widerspruch zueinander stehen. Dem ist aber nicht so. Die Veröffentlichung des Amerika-Forschungsinstituts diente ausschliesslich dem Zweck, den "Beweis" dafür zu liefern, dass sich die Sowjetführung von keinerlei antisemitischen Motiven leiten lasse. Im Gegenteil, sie ist sogar um das Wohlergehen der armen amerikanischen Juden bekümmert!
Es handelt sich also um einen Trick, der der Mentalität der Moskauer Führung entspricht und der bei manchen Leichtgläubigen im Westen Erfolg haben könnte.
Vieles, was sich heute in Moskau abspielt, erinnert an die düsteren Ereignisse 1953, als in der UdSSR anlässlich des sogenannten jüdischen "Ärztekomplotts" Verhaftungen vorgenommen wurden, die eine antisemitische Welle unerhörten Masstabes in Bewegung setzten. Je komplizierter die Lage in der UdSSR wird, desto mehr bedarf der Kreml eines Prügelknaben.
L.K.
[Aufbau Aug. 5, 1977. p.5]
INDEX SCAN